Architektur und Energieeffizienz – Strategien gegen den Klimawandel

Am 14. und 15. Dezember 2007 fand in Darmstadt das DETAIL Symposium Energie und Nachhaltigkeit statt, zu dem rund 200 Architekten und Studierende kamen (Opens internal link in current windowzum Filmbeitrag). Das Tagungsprogramm war in Zusammenarbeit mit der TU Darmstadt entwickelt worden und das Referentenaufgebot versprach Fachinformation auf hohem Niveau:


Als Auftakt konnten die Teilnehmer bei einer Führung hinter die Kulissen des Veranstaltungsortes blicken. Das neue Wissenschafts- und Kongresszentrum in Darmstadt „darmstadtium“ wurde nach einem Entwurf des Wiener Büros Chalabi Architects gebaut und erst wenige Tage vor dem Symposium eröffnet. Das Fachgebiet Entwerfen und Energieeffizientes Bauen der TU Darmstadt war mit der Energie- und Nachhaltigkeitsberatung des Projekts beauftragt. Das innovative Energiekonzept, das unter anderem Photovoltaik, Erdwärme und Verdunstungskühlung vorsieht, wurde vom Frankfurter Büro Ebert Ingenieure entwickelt.


Von Handwerkskunst zu Hightech


Das eigentliche Abendprogramm fand auf der nahe gelegenen Mathildenhöhe statt, einer aus dem 19. Jahrhundert stammenden Gartenanlage mit Jugendstilgebäuden der ehemaligen Künstlerkolonie und dem Ausstellungsgebäude von Joseph Maria Olbrich. Passend zu diesem historischen Rahmen ging Professor Dr. Werner Durth in seinem Eröffnungsvortrag zu den Anfängen des materialgerechten Entwerfens und nachhaltigen Bauens zurück und begeisterte die Zuhörer mit einer architekturhistorischen Vorlesung der Extraklasse. Er spannte dabei den Bogen von Werkbund, Dresdner Werkstätten und Weißenhofsiedlung, Iohn Ruskin, Bruno Taut, Hans Scharoun und Le Corbusier bis zur neueren Beispielen wie der gläsernen Akademie Mont-Cenis in Herne von Francoise-Helene Jourda und Manfred Hegger. Viele der Anwesenden nutzten die inspirierende Atmosphäre der Mathildenhöhe für Gespräche und neue Kontakte und ließen den Abend bei Wein und Buffet entspannt ausklingen.


Ressourcenknappheit und Klimawandel – Herausforderungen für Architekten


Der nächste Tag stand ganz unter dem Motto energieeffizienter Architektur und die zahlreichen, sehr interessanten Vorträge erfüllten die Erwartungen des Fachpublikums voll und ganz.

Nach der Eröffnung des Symposiums durch DETAIL-Chefredakteur Christian Schittich appellierte Prof. Arno Sighart Schmid, Präsident der Bundesarchitektenkammer, in seinen Grußworten eindringlich dafür, sich den Herausforderungen des Klimawandels zu stellen. Architekten, Ingenieure, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner müssten gemeinsam ihr möglichstes tun, um energieeffiziente Gebäude und Städte zu errichten. Zukunftsentscheidend seien drastische Energieeinsparungen und hier stünden vor allem die Indsutriestaaten in der Pflicht.

Andrea Georgi-Tomas, Geschäftsführerin der ee concept GmbH und ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin von Professor Hegger moderierte mit Charme und Fachkompetenz und führte dem Publikum zu Beginn die große Verantwortung der Architekten vor Augen: 50 % aller auf der Welt verarbeiteten Rohstoffe werden beim Bau von Gebäuden verbraucht. 60 % des in Deutschland anfallenden Abfalls stammt aus dem Bausektor und 50 % des gesamten Energieeinsatzes in Deutschland entfällt auf die Bewirtschaftung von Gebäuden.


Ökologisch bauen – die neue Sinnlichkeit


Der Architekt und Stadtplaner Dr. Robert Kaltenbrunner vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung benannte als eine wichtige nachhaltige Strategie den schonenden Umgang mit dem bereits Gebauten. Eine „kluge Ressourcennutzung muss in Architektur und Städtebau einen Paradigmenwechsel begründen: weg von der marktwirtschaftlich orientierten Schnelllebigkeit im Lebenszyklus, hin zu einer neuen Wertschätzung der Dauerhaftigkeit.“ Wie auch andere Redner des Tages forderte Kaltenbrunner, dem noch immer abschreckenden Image der Nachhaltigkeit eine sinnlich-ästhetische, eine lustvolle Umsetzung in Architektur gegenüber zu stellen.

Professor Manfred Hegger stellte zunächst den neuen DETAIL Energie Atlas vor, dessen Autorenteam er angehört. Neben zahlreichen Projektbeispielen bietet das Buch fundierte Fachinformationen zu den Grundlagen energieeffizienten Bauens, zu Baustoffen, Städtebau und den komplexen Zusamenhängen zwischen Gebäudehülle und Gebäudetechnik. Auch Prof. Hegger plädierte für eine intensivere Zusammenarbeit aller Planungsbeteiligter von Beginn eines Bauprojekts an. Als ein aktuelles Beispiel hervorragender energieeffizienter Architektur präsentierte er den Beitrag der TU Darmstadt zum Solar Decathlon, des vom US-Energieministerium ausgeschriebenen Wettbewerbs für Hochschulen und Universitäten, der die Potenziale des solaren, nachhaltigen Bauens ausloten will. Heggers abschließende Botschaft an die Anwesenden: Noch immer werden zu viel Materialien verbaut, noch immer ist der Technikanteil unserer Gebäude zu hoch, ein Ende der Entwicklung ist noch lange nicht erreicht – „wir haben eine riesige und spannende Aufgabe vor uns!“


 „Ohne solares Bauen lösen wir das Energieproblem nicht.“

Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Dr. Hermann Scheer, Mitglied des Bundestags und Präsident von Eurosolar, zog die Zuhörer mit seinem detaillierten Wissen zu Ressourcenbedarf, Klimaproblemen und Energieerzeugung in Bann. Seine Hauptforderung ist der konsequente Wechsel zum Verbrauch erneuerbarer, schadstoffarmer Ressourcen. Als verkürztes Denken bezeichnete Scheer unseren sprachlichen Umgang mit Energie. So sei für ein Nullenergie-Haus sehr wohl ein beachtlicher Energieeinsatz nötig – nämlich aus der Sonne. Würde man all die nicht-kommerziellen Energieangebote, die wir bereits selbstversändlich nutzen, einer natürlichen Energiestatistik, die den tatsächlichen Energieverbrauch der Menschen betrachtet, zu Grunde legen, dann wäre der Anteil an atomaren und fossilen Energien an unserem Energiebedarf weniger als ein Prozent. Unter diesem Aspekt, so Scheer, ist die Vorstellung, dass dieses eine Prozent auch noch ersetzbar sei, eine leichte.

Sabine Djahanschah, von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gab Einblick in ihre Arbeit als Leiterin des Referats Architektur und Bauwesen. Gefördert werden von der DBU interdisziplinäre ganzheitliche Planungskonzepte und -prozesse, die Entwicklung ressourcenschonender Bauteile, -produkte und -methoden sowie ökologische Modellvorhaben. Mit Bedauern stellte Frau Djahanschah fest, dass an Planungsleistungen oft gespart wird und so der sehr wichtige, für ressourcenschonendes Bauen notwendige interdisziplinäre Ansatz häufig zu kurz kommt.

Konkrete Arbeitsschritte der Bundesregierung für nachhaltiges Bauen schilderte Baudirektor Hans-Dieter Hegner und hielt fest, dass das Thema schon längst im Bundesbauministerium angekommen ist. Das Ministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung hat einen Leitfaden herausgegeben, der seit 2001 auch im Bundesbau als Richtlinie eingeführt ist. Darin enthalten sind Grundsätze des nachhaltigen Bauens, Planungsziele, Checklisten und Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen. Ziel sei es, den Lebenszyklusgedanken eines Gebäudes in den Vordergrund stellen und die Investitionen danach auszurichten. Weitere Veröffentlichungen sind in Vorbereitung, um den Architekten konkrete Handlungshilfen zu geben. „Nachhaltigkeit gehört in jedes Planungsbüro“ so der programmatische Ansatz des Ministeriums.


Der schweizer Weg zur Nachhaltigkeit


Der Architekt Professor Hansruedi Preisig erläuterte in seinem Vortrag „Die 2.000-Watt-Gesellschaft und ihre Bauten“ ein Schweizer Konzept, das auf das Jahr 2002 zurückgeht und dem die Grundidee einer gerechten Verteilung von Energie zugrunde lag. Er zeigte eine Reihe vorbildlicher Projekte, die die Möglichkeiten des 2.000-Watt-Ansatzes aufzeigten. Abschließend nannte er die drei Bereiche Gesellschaft, Umwelt und Wirtschaftlichkeit, die es gilt zusammen zu bringen, wenn man von Nachhaltigkeit sprechen will. In seinen Schlussworten brachte Professor Preisig auf den Punkt, was bei den Diskussionen um Effizienz und Wirtschaftlichkeit manchmal vergessen wird: Wir bauen für unsere Kinder. Und diesen Kindern sollten wir sorgfältig geplante Gebäude übergeben.

Sehr humorvoll kommentierte Professor Hausladen vom Lehrstuhl für Bauklimatik und Haustechnik an der TU München einige Missstände der Nachhaltigkeits-Diskussionen. Seine Kritik setzt bereits bei der Wirtschaftlichkeitsdebatte im Zusammenhang mit Energieeffizienz an, die am Kern der Sache vorbeigehe. Eine entscheidende Rolle spiele der interdisziplinäre Planungsprozess, so Hausladen. Um wirklich nachhaltig und energiesparend Bauen zu können, bedarf es einer intensiven Kommunikation zwischen Architekt, Tragwerksplaner und ClimaDesigner. (Opens internal link in current windowVortrag Prof. Hausladen)

Dieses Miteinander machte auch in Vorarlberg die Suche nach einer neuen Architektur erst möglich und Prof. Walter Unterrainer betonte in seinem Vortrag, dass auch Politiker und Bauherren des österreichischen Landes das Thema Nachhaltigkeit ernst nehmen. Die Entscheidungsträger hätten erkannt, dass auch experimentelle Wege gegangen werden müssen, um Impulse für zukunftsfähige Entwicklungen zu geben. Professor Unterrainer machte an Hand der gezeigten Projektbeispiele deutlich, dass es, neben den Bemühungen um Energieeffizienz und der Weiterentwicklung der Gebäudetechnik, Themen wie Infrastruktur, Dichte und öffentlicher Raum sein werden, die uns in den nächsten Jahren beschäftigen werden.

Nachhaltigkeitsstrategien aus Sicht eines Industrieunternehmens schilderte Dr. Thomas Volz von der Bosch Buderus Thermotechnik. „Wir befinden uns nicht nur in einer ökonomischen Globalisierung sondern auch in einer ökologischen“, so Volz. Der Klimawandel verlange von der Heiztechnikbranche neue, energieeffizientere Lösungen für die Wärmeversorgung. Doch auch auf anderen Gebieten nimmt sich Bosch des Themas an. Für die weltweit tätige Bosch-Gruppe ist Nachhaltigkeit eine wesentliche Leitlinie der Unternehmenspolitik, so engagiert sich Bosch unter anderem bei econsense und ist Mitglied des Global Compact der Vereinten Nationen.


Architektur gestern, heute und morgen – aus der Geschichte lernen


Weniger Technik, mehr Köpfchen, so könnte man überspitzt den Low-Tech-Ansatz bezeichnen, für den Professor Günter Pfeifer steht. Er beschrieb das kybernetische Prinzip des ökologischen Bauens: die Vernetzung verschiedenartiger Funktionselemente, die untereinander in Wechselwirkung stehen. Ziel müsste wieder sein, die strukturellen Eigenarten aller beteiligten Systeme, physikalischer, biologischer und technischer Art, so zueinander in Beziehung zu setzen, dass sie sich in ihren Wirkungen ergänzen. Die Architekturgeschichte sei voll von Beispielen kybernetischer Baukultur – dem Ort, Klima, kulturellem Kontext und vorhandenem Material angepasste Architektur. Dieses System haben wir durch unsere Technikgläubigkeit verlassen, so Pfeifer, der mit den vorgestellten Gebäudekonzepten eindrucksvoll zeigte, dass dieses alte Prinzip des Bauens ein zukunftsfähiges sein kann.

Prof. Dr. Werner Sobek, der krankheitsbedingt verhindert war, wurde von Frau Dr. Ing. Heide Schuster vertreten. Sie leitet die WS Green Technologies, ein Beratungsunternehmen für nachhaltiges Bauen, das 2007 im Rahmen der Werner Sobek Engineering gegründet wurde. Werner Sobek Ingenieure verfolgen das Triple Zero Concept – null Energieverbrauch, null Emissionen, vollständige Rezyklierbarkeit – und sind weltbekannt für ihre moderne, futuristische Art Bauens. Frau Dr. Schuster gab in ihrem Vortrag einige Ausblicke auf das, was im nachhaltigen Bauen noch kommen könnte und griff dabei auch den Begriff der sexy Architektur auf, der bereits am Vormittag angesprochen wurde. Noch immer kämpfe ökologisches Bauen mit dem Image der Müsliromantik aus den 70er Jahren. Es sei eines der Ziele von Werner Sobek Ingenieuren diese Vorurteile endlich auszuräumen.

Im Gegensatz zu den erstklassigen Konferenzbeiträgen enttäuschte die weniger überzeugende Performance des Kongresszentrums, das wegen der noch nicht abgeschlossenen Bauarbeiten dem Anspruch an ein modernes Tagungsgebäude leider nicht gerecht wurde. Dank der engagierten und spannenden Vorträge blieb das Publikum jedoch trotz schlechter Belüftung und hoher Raumtemperaturen gelassen und verfolgte das Programm mit großem Interesse bis zum letzten Redebeitrag.

Auf dem Folgekongress im Januar 2009 sollen neu gewonnene Erkenntnisse behandelt und weitere Themen rund um ressourcenschonendes, energieeffizientes Bauen aufgegriffen werden.

Ermöglicht wurde das Symposium durch das Engagement der Unternehmen Buderus, Prefa, Velux, Warema, Weber und Xella.