Die Deutsche Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB) hat am 17. und 18. Juni in Stuttgart auf der Consense, Kongress für nachhaltiges Bauen, das deutsche Zertifizierungssystem für nachhaltige Gebäude vorgestellt, das ab 2009 auf den Markt kommen soll. Das Gemeinschaftsprojekt der DGNB und des Bundesbauministeriums sieht ein Bewertungssystem vor, das neben Energieeffizienz und Ressourcenschutz viele weitere Faktoren berücksichtigt und den gesamten Lebenszyklus von Gebäuden betrachtet.
Das „Deutsche Gütesiegel für nachhaltiges Bauen“ stellt eine Antwort auf internationale Zertifizierungssysteme wie dem amerikanischen LEED dar. Der Anspruch Deutschlands bei der Entwicklung eines eigenen Zertifikats war es, die Lücken dieser Systeme zu schließen und weitere Qualitätskriterien, die deutschen Normen und Regelungen angepasst sind, einzuführen. Die DGNB spricht daher von einem Zertifizierungssystem der zweiten Generation. Basierend auf den Ergebnissen des Runden Tisches Nachhaltiges Bauen am Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS), Normungsarbeiten zur Nachhaltigkeit, Qualitäts- und Gütezertifizierung für Bauprodukte und der Norm ISO 14025 sieht das Zertifikat sechs Themenfelder für die Bewertung der Leistungsfähigkeit eines Bauwerkes vor.
Während die ersten fünf Themenfelder gleichwertig behandelt werden, kommt dem Standortfaktor eine Sonderstellung zu. Überdies setzten sich diese sechs Kriterien aus insgesamt 63 Indikatoren, so genannten Steckbriefen zusammen.
Komplexes Bewertungssystem – die Kategorien
Kategorie „Ökologie“
Die Kategorie Ökologie beinhaltet Ressourcenschonung und Umweltschutz. Unter anderem geht es dabei um den Bedarf an Primärenergie und Trinkwasser, um CO2-Emissionen und um Schad- und Risikostoffe, die beim Bau, im Betrieb oder bei der Entsorgung anfallen.
Kategorie „Ökonomie“
Beim Stichwort Ökonomie steht das Thema Lebenszykluskosten im Mittelpunkt. Auf diese Weise können Betriebs-, Reinigungs- und Instandhaltungskosten eines Gebäudes erfasst und in die qualitative Bewertung der Immobilie einbezogen werden.
Kategorie „Soziale und funktionale Qualität“
Unter der sozialen und funktionalen Qualität wird neben Kriterien wie Nutzerkomfort, thermische Behaglichkeit, akustischer Komfort und Nutzung von Tageslicht auch Faktoren wie das soziale Umfeld und die Qualität der Gestaltung beurteilt, welche sich ebenfalls positiv auf die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter auswirken.
Kategorie „Prozessqualität“
In dieser Kategorie geht es um die Planung und Realisierung eines Gebäudes. Hier gilt es unter anderem darzulegen, zu welchem Zeitpunkt Fachplaner und Experten aus anderen Disziplinen oder Behörden in die Planungsprozesse eingebunden werden.
Kategorie „Technische Qualität“
In diesem Themenfeld werden die Konstruktion und die Gebäudetechnik untersucht. Die Lebensdauer von Materialien und Konstruktionen spielen hier eine große Rolle, ebenso wie die Flexibilität der technischen Gebäudeausstattung.
Kategorie „Standortqualität“
Anders als bei den meisten anderen Zertifizierungsverfahren wurde beim deutschen Gütesiegel auch der Faktor Standortqualität berücksichtigt. Betrachtet werden dabei unter anderem Risiken und Belastungen am Standort, Image und Zustand des Quartiers, Verkehrsanbindung und die Entwicklungs- bzw. Erweiterungsmöglichkeiten.
Flexibel und fortschreibbar
Der Anwendungsbereich des deutschen Zertifikats erstreckt sich zunächst auf Hochbauten, soll aber sukzessive auf andere Bereiche angepasst werden, wie zum Beispiel auf Infrastruktur. Ein erklärtes Ziel ist darüber hinaus die Weiterentwicklung des Systems für (zunächst europäische) Länder, in denen noch nicht zertifiziert wird. Durch seine modulare Struktur lässt sich das DGNB-System grundsätzlich in verschiedenen Klimazonen einsetzen. Aktualisierungen sind laufend möglich, so dass neuen Technologien ebenso Rechnung getragen werden kann, wie der qualitativen Anpassung bereits bestehender Kriterien. Ein wesentlicher Unterschied zu Labeln wie dem LEED-System ist das Bewertungsprinzip. Die Leistungsfähigkeit eines Gebäudes wird in jeder Kategorie einzeln bewertet. Um an das begehrte Zertifikat zu kommen, muss in jedem Teilbereich eine gute Note erreicht werden, nicht nur in der Gesamtbewertung. Die ermittelten Werte werden in einem umfangreichen Kompendium dokumentiert und schaffen so Transparenz für Bauherren und Nutzer.
Das deutsche Zertifizierungssystem unterstützt den Planer schon in frühen Phasen dabei, ein Projekt so zu optimieren, dass ein über den gesamten Lebenszyklus nachhaltiges Gebäude entwickelt werden kann.
Verlauf der Zertifizierung
Es bestehen klare Regelungen, wie ein Bauherr das Gütesiegel für nachhaltiges Bauen erhalten kann. Zunächst muss er einen Architekten oder Planer beauftragen, der aufgrund einer Zusatzausbildung dazu qualifiziert wurde. Diese Ausbildung ist an Hochschulen, Kammern oder anderen Bildungseinrichtungen zu absolvieren, die eine Zulassung des DGNB haben. Die Architekten bzw. Planer sind verpflichtet die Ziele für das geplante Objekt in einem Pflichtenheft gleichzeitig mit der Anmeldung des Zertifikats einzureichen. Werden alle Kriterien erfüllt, erhält der Bauherr ein Vorzertifikat mit dem er für sein Gebäude werben darf. Wird bei der endgültigen Prüfung des DGNB festgestellt, dass das gesamte Verfahren ordnungsgemäß stattgefunden hat, wird neben einer Plakette auch das Zertifikat ausgehändigt.
Derzeit laufen bereits Test-Zertifizierungen. Die ersten Gütesiegel für nachhaltiges Bauen sollen dann im Januar 2009 auf der BAU München, der international größten Baumesse überreicht werden.
Der vollständige Text steht in DETAIL 7/8 2008 auf Seite 820.
Internationale Bewertungssysteme
Weitere Informationen:
www.dgnb.de
