Nachverdichtung auf einer innerstädtischen Brache: Der „Prototyp Berlin“ von einem der Preisträger des Wettbewerbs „Zurück in die Stadt“ wird auf dem ehemaligen Bechsteinhaus am Moritzplatz realisiert. Dort entstehen in zentraler Innenstadtlage bis Frühjahr 2010 auf 16.000 Quadratmetern ein Themenkaufhaus für die Kreativwirtschaft und bis zu 400 Arbeitsplätze.
Als das Preisgericht des Xella Realisierungswettbewerbs „Zurück in die Stadt“ unter Vorsitz von Prof. Dr. Thomas Jocher (Fink + Jocher Architekten, München) am 9. Mai letzten Jahres im Hüttenmagazin in Duisburg-Nord aus 64 eingereichten Arbeiten die Preise und Ankäufe vergab, war Andreas Krüger noch mitten in den Verkaufsverhandlungen: Der Geschäftsführer für Unternehmensentwicklung und Kommunikation der Berliner Modulor GmbH war seit längerem auf der Suche nach geeigneten Räumen für seinen – mittlerweile 80 Mitarbeiter zählenden – Materialgroß- und -versandhandel für Architekten und Designer. Dessen alte Räume in der Gneisenaustraße sind seit Jahren zu eng.
Mit dem Bechsteinhaus konkretisierten sich das Konzept eines Themen(kauf)hauses für die Kreativwirtschaft – und die Idee, „das Gebäude der Stadt zurückzugeben.“ Die 16.000 Quadratmeter große Waschbeton-Kiste aus den 1970er Jahren steht nicht nur seit 2007 leer, sondern auch in städtebaulich seltsam randständiger Lage: Die Bebauung um den Kreisverkehr, an dem die Prinzen-, die Oranien- und die Heinrich-Heine-Straße aufeinander treffen, fiel im Zweiten Weltkrieg größtenteils den alliierten Bomben zum Opfer, so dass der Moritzplatz heute trotz seiner acht U-Bahn-Eingänge nur als „terrain vague“ zwischen den Berliner Bezirken Kreuzberg und Mitte wahrgenommen wird. Vor 1945 stand hier, an der Grenze zwischen historischem Zeitungsviertel und gründerzeitlicher Wohnbebauung, das erste Wertheim-Warenhaus – mit eigenem U-Bahn-Anschluss.
Am 28. November 2008 schließlich übernahmen die Modulor GmbH und der neue Eigner des Aufbau-Verlags, Matthias Koch, das Grundstück der 1853 gegründeten Pianofortefabrik C. Bechstein und das Nachbargrundstück vom Liegenschaftsfonds für geschätzte 7 Mio. Euro, Sanierung, Aus- und Umbau sollen weitere 8 Mio. Euro kosten; nach erfolgter Zustimmung des Berliner Abgeordnetenhauses kann mit den Arbeiten begonnen werden. Ab Frühjahr 2010 ziehen neben dem Aufbau-Verlag und der Modulor GmbH selbst und Handwerkern, Künstlern und Architekten 30 bis 40 Dienstleistungs-, Handels-, Verlags- und Beratungsunternehmen in die ehemalige Fabrik – die Nachfrage übersteigt das Angebot bereits jetzt um ein Mehrfaches.
Gestalterisches Highlight des Bechstein-Hauses könnte der „Prototyp Berlin“ von frank&friker Architekten werden, der – neben einer Kindertagesstätte -– als „fünfte Fassade“ die 2.000 Quadratmeter große Dachterrasse besetzt. Die beiden jungen Münchner Architekten überzeugten die Wettbewerbsjury mit ihrem Ansatz, das Dach des Gebäudes als „Stadtkrone“ architektonisch neu zu definieren: Durch die Modulation der Dachlandschaft mit ihren Ausstülpungen und eingeschnittenen Atrien gelingt es, außergewöhnliche Raumfolgen, Querbezüge und Lichteinfälle von hoher Qualität zu schaffen. Zudem funktioniert das Konzept auf den unterschiedlichsten Dachbauplätzen und lässt auch bei tiefen Grundrissen qualitativ hochwertiges Wohnen mit maximaler Freifläche und Flexibilität zu: Während alle Nasszellen, Küchen, Treppen und Schränke in die Sanitär- und Erschließungszonen integriert sind, sind die Restflächen frei bespielbar.
Charakteristisches gestalterisches Merkmal ihres Entwurfs ist der nach außen geschlossen wirkende Kniestock und die sich nach oben öffnende, großzügig verglaste Dachfläche. Während der perforierte Kniestock sich der Höhe der Nachbargebäude anpasst, fungiert die – im Süden mit Photovoltaik im Siebdruckverfahren bestückte – Dachfläche als fünfte Fassade. Sie wird von frank&friker noch intensiv weiterentwickelt: Der Jury erschien die Fassadengestaltung als zu monolithisch, zu sehr auf sich selbst bezogen und technisch aufwändig.
Autor: Jochen Paul