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Individualisierung und Wohnform

Individualisierung und Wohnform

Es ist ein weiterer Rückgang der Haushaltsgröße zu konstatieren. Dies ist im Wesentlichen auf die Phänomene Singularisierung, Alterung, niedrige Kinderzahl oder Kinderlosigkeit sowie relativer Bedeutungsverlust der Normbiographie zurückzuführen. Zur Illustration kurz drei Streiflichter:

1. Wir sind vermehrt mit Abfolgen von Lebens- und Wohnphasen konfrontiert, die zu jedem Zeitpunkt des Erwachsenenlebens eintreten können, wie z.B. Alleinwohnen, dann temporär mit ‚Lebensabschnittspartner‘ oder in Wohngemeinschaften, und auch als Patchwork-Familien, d.h. als Konstellation von Elternteil und neuem Partner mit mitgebrachten und/oder gemeinsamen Kindern.


2. Das Wohnen ist nicht nur ein Grundbedürfnis, sondern Ausdruck des lifestyle: Die Wohnung wird zu einem Ort der Selbstinszenierung. Bei einer sich ausdifferenzierenden Gesellschaft erhält die individuelle Darstellung und Abgrenzung unterschiedlicher Lebensstile eine größere Bedeutung. Der Einzelne will in einer bestimmten Art wohnen, weil er damit einen bestimmten Haltung und Lebensart ausdrücken möchte.

3. Die seit Jahrzehnten verfestigte Trennung von Wohnen und Arbeiten weicht tendenziell auf. War die Wohnung im Regelfall der Ort des außerberuflichen Lebens, des ‚Nichtarbeitens‘ und der Erholung, so ermöglichen neue Technologien (E-Mail, Internet und Mobiltelefon) sowie neue Tätigkeiten (wie z.B. Dienstleistungsberufe, in denen Kommunikation und Informationsaustausch dominieren) das Verbinden von Arbeiten und Wohnen an einem Ort. In einer Gesellschaft des lebenslangen Lernens erhalten Wohnungen und Wohnstandorte immer größere Bedeutung für die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Haushaltsmitglieder.

Die Nachfrage nach Wohnraum ist also erheblichen Veränderungen ausgesetzt. Es gibt aber auch starke Beharrungskräfte. Ist doch die eigene Wohnung, jenseits aller modischen und technischen Updates, Hort des scheinbar Unveränderlichen geblieben. Sie ist es deshalb geblieben, weil sie als Ort der Selbstbestimmung, der Sicherheit und der Stabilität gesehen und genutzt wird. Das Wohnen insgesamt – unsere Vorstellung davon, aber auch die bauliche Hülle – unterliegt offenkundig nicht der gleichen Dynamisierung wie andere Alltagszusammenhänge.

Für den Wohnungsbau heißt das, sich in stärkerem Maße an sich verändernde Lebenssituationen anzupassen, als das in den letzten Jahrzehnten der Fall war. Die nicht determinierten Räume von Gründerzeitwohnungen mit ihren mehrfachen Erschließungen bieten hier fraglos mehr als die – auf die vermeintlichen Gebrauchsmuster der Kleinfamilie abzielenden – Grundrisse des modernen Wohnungsbaus. Auch die Popularität, der sich Lofts bei einem bestimmten, meist freiberuflichen Klientel erfreuen, spricht diesbezüglich Bände. Allerdings ist wohl weniger die Variabilität des Grundrisses für ein bedürfnisgerechtes Wohnen ausschlaggebend, als vielmehr die Anzahl unterschiedlicher Angebote innerhalb des Hauses oder der Nachbarschaft (große Terrassen; Spielplätze etc.).

Ingesamt lässt sich eine Diskrepanz zwischen den Haushalt- und Lebensformen und dem tatsächlichen Wohnungsangebot festhalten. Wie kann man die Lücke schließen? Hierzu einige Trendaussagen:

1. Es müssen Alternativen zur „Normalwohnung“ oder zum Altenheim angeboten werden. Diese könnten z.B. in generationen- und sozialgruppenübergreifenden Wohnformen bestehen. Solche integrativen Wohnprojekte verlangen insbesondere: vielfältige und veränderbare Wohnungstypen, ausreichende Wohnungsgröße (ein Zimmer mehr als Personen im Haushalt), Gemeinschaftsräume sowie barrierefreie Zugänglichkeit.

2. Das Wohnumfeld braucht ein vielfältiges Angebot an nutzbaren, auch funktionsungebundene Freiflächen: für nachbarschaftliche Begegnungen, für spontane Aktivitäten zum Verweilen und zur Muße.

3. Auf der Quartiersebene ist ein breites Spektrum an Wohnungstypen anzustreben, um eine vielfältige Mischung an Haushaltstypen, Alters- und Sozialgruppen zu ermöglichen und sowohl älteren Menschen als auch Familien ein durchlässiges Angebot unterschiedlicher Wohnformen im vertrauten Quartier zu eröffnen.

4. Und es braucht neue Wege für einen urbanen, verdichteten Wohnungsbau. Zum einen ist es erklärtes Ziel der Bundesregierung, die Flächeninanspruchnahme für Siedlungszwecke deutlich zurückzuschrauben. Zum anderen gibt es auch viele reale gesellschaftliche Gründe (Alltagsmobilität, altersgerechte Nahversorgung etc.), die dies nahe legen. Um das aber auch marktgängig und nachfragegerecht auszugestalten, müssen dabei allerdings baulich und stadträumlich gewisse Qualitäten gesichert werden. Zumal eine bestimmte Durchgrünung ist unabdingbar.