
Umweltbewusstsein hat mittlerweile einen festen Platz im gesellschaftlichen Wertekanon erobert: Die ehemalige „Protestpartei“ der Grünen ist längst etablierter Teil des politischen Gefüges; Bio-Produkte halten selbst bei den billigsten Discountern Einzug; und Otto Normalverbraucher reagiert – ob nun Bodenkontamination, Hühnerhaltung in der Legebatterie oder Öl am Strand – hochgradig sensibel auf Umweltthemen. Ressourcen schonend und umweltverträglich zu bauen, ist demzufolge wichtiger denn je.
Allerdings: Nachhaltigkeit scheint im Metier selbst ein arg sprödes Thema zu sein. In der Diskussion, die hierzulande geführt wird, erscheint Nachhaltigkeit besonders wenn sie auf Innovation und Hochtechnologie bezogen wird wie eine Dame ohne Unterleib, abgeschnitten von den kulturellen Fermenten und den sozialen Katalysatoren, ohne die ihr gesellschaftlicher Gebrauch nicht zu haben ist. Natürlich ist in den letzten zwei-drei Jahrzehnten fraglos vieles erreicht worden: Photovoltaik, Passivhausstandard, Wärmerückgewinnung, passive Nutzung der Sonnenenergie usw. Natürlich wird die künftige Entwicklung gepusht durch "Formel Eins"-Gebäude (energieautarken Häusern, Plusenergiehäusern etc.) Gleichwohl: Bloße naturwissenschaftlich-technische Ansätze genügen nicht. Hierzu einige Aspekte, die in Zukunft von noch stärkerem Belang sein werden:
1. Nachhaltigkeit darf nicht mit Konsumverzicht gleichgesetzt werden: Dem nachhaltigen Bauen – und dem ökologischen Bauen noch mehr – hängt teilweise noch immer ein Verzichtsimage nach, das objektiv betrachtet nicht immer zielführend und zugleich wenig attraktiv ist. Als Weiterentwicklung gibt es nun die Generation der sogenannten LOHAS, die in der Sozialwissenschaft sogar einen eigenen neuen Lebensstil-Typus gebildet hat (Lifestyle of Health and Sustainability). Und just diese Grundhaltung, das Leben zwar in vollen Zügen, aber nicht auf Kosten der Umwelt oder der Mitmenschen zu genießen, zeigt in eine neue gesellschaftliche Richtung.

2. Aufwertende Erneuerung des Baubestandes: Bei allen Fortschritten, die sich im Neubau schon haben verwirklichen lassen, darf man nicht übersehen, dass das größte ökologische Potential im Bereich der Bestandssanierung liegt. Eine ‚kluge Ressourcennutzung‘ muss in Architektur und Städtebau einen Paradigmenwechsel begründen: Weg von der marktwirtschaftlich orientierten Schnelllebigkeit im Lebenszyklus, hin zu einer neuen Wertschätzung der Dauerhaftigkeit.
3. Intelligenter Umgang mit Rohstoffen. Das bedeutet einerseits, knappe Ressourcen zu schonen und problematische, also humantoxische oder kaum rückführbare Stoffe nicht mehr zu verwenden. Andererseits stellen, gerade in Deutschland, die vollen Deponien, die sich überwiegend aus „Bauabfällen“ speisen, eine große Herausforderung dar. Schon deshalb muss Baustoffrecycling künftig eine größere Rolle spielen.
4. Angemessenes Erscheinungsbild: Kaum gelöst ist außerdem die ästhetische Integration Erneuerbarer Energien in Gebäude. Der Boom in den letzten Jahren erfordert gute Lösungen, nicht nur technisch, sondern auch im Design. Solaranlagen bieten neue Gestaltungsmöglichkeiten und Gestaltungsfreiheiten, die künftig ein selbstverständlicher Bestandteil in der Architektur werden sollten.
Interessant ist, dass man durch die komplizierten und umfangreichen Ökobilanzbewertungen von Gebäuden, die seit Anfang der 70er durchgeführt und stetig verfeinert werden, zum Ergebnis gelangt, dass die ursprünglichen Werte guter Baukunst am nachhaltigsten sind. Und dies gilt sowohl im Städtebau als auch in der Architektur. Zusammengefasst darf man wohl behaupten, dass die Art, wie wir in 10 Jahren leben, kaum anders aussehen wird als die der jüngeren Vergangenheit.
