Die Entwicklung der Stadt nach innen, ihre Nachverdichtung als Alternative zur weiteren Zersiedlung der Landschaft ist nicht nur unter ökologischen Gesichtspunkten das Gebot der Stunde. Das Leben in der Stadt an sich – vor allem für Familien lange Zeit als unattraktiv abgelehnt – erfährt über alle Altersschichten und Lebensstile hinweg eine neue Wertschätzung. Innenstädte werden revitalisiert, Brachflächen erschlossen, Gewerbegebiete umstrukturiert, um ein neues Angebot an Wohnfläche zu schaffen. Dabei gilt es, die vorhandene Bausubstanz soweit wie möglich zu erhalten, zu sanieren, aufzustocken oder daran anzubauen. Gerade bestehende Flachdächer bieten in diesem Zusammenhang ein großes Potenzial der Erweiterung.


Ziel jeder Nachverdichtung ist dabei nicht nur die Bereitstellung von zusätzlichem Raum, sondern daneben auch eine gestalterische, qualitative und infrastrukturelle Aufwertung ihrer Umgebung. Dass eine gelungene Erweiterung positive Impulse auf ihr Umfeld ausstrahlen und das soziale Milieu im Quartier nachhaltig verändern kann, zeigt das Beispiel einer Dachaufstockung an drei Wohnzeilen aus den 60er-Jahren in den Vororten von Kopenhagen (Abb. 1). Die Bauträgergesellschaft bekam hier durch den Verkauf der zusätzlichen Wohnungen die notwendigen Mittel frei zur Verbesserung der Infrastruktur, vor allem zur Neugestaltung und Sanierung von Freiflächen und Spielplätzen und zum Nachrüsten der Gebäude mit Aufzügen. Zuvor aufkommender Vandalismus konnte durch diese Maßnahmen eingedämmt werden, das gesamte Quartier gewann an Ansehen und Wert.
Da gleichzeitig alle neuen Wohnungen altengerecht ausgebildet sind, wurde es älteren Mitbewohnern möglich, im eigenen Gebäude, alsoin ihrem vertrauten sozialen Milieu, eine der Lebensphase entsprechende Wohnung zu finden. Erkenntnisse wie diese, aber auch ökologische Überlegungen und der Wunsch, die vielfältigen Möglichkeiten von Wohnraum unter geneigten Dachflächen zu demonstrieren, veranlasste den dänischen Hersteller von Dachflächenfenstersystemen Soltag und Atika – Zwei Prototypen zum Wohnen auf bestehenden Dächern Soltag and Atika – Two Prototypes for Dwellings on Existing Roofs Velux, Prototypen für vorgefertigte Dachhäuser entwickeln zu lassen, bei welchen neben der Wohnqualität ein nachhaltiges Energiekonzept sowie der Umgang mit Tageslicht und Luft im Mittelpunkt stehen.

Soltag, entworfen von dem dänischen Architekten Martin Rubow und als Prototyp in der Nähe von Kopenhagen zu besichtigen, ist ein Satteldachhaus mit 45 Grad Neigung und einem ausgefeilten Energiekonzept – abgestimmt auf die klimatischen Verhältnisse in Mittel- und Nordeuropa. Solarkollektoren auf der nach Süden gerichteten Dachfläche sorgen für die Erwärmung des Brauchwassers und der Fußbodenheizung, Photovoltaikpaneele liefern den Strom für Pumpen und Ventilatoren, damit das hoch gedämmte Gebäude im Idealfall ohne Fremd energie für die Heizung auskommen kann. Konstruktiv gesehen besteht das einzelne Haus aus jeweils zwei Modulen, die als Stahlrahmenkonstruktion mit Querriegeln aus Holz ausgebildet sind.

Die Modulbauweise und der hohe Grad an Vorfertigung führen zu kurzen Montagezeiten vor Ort und damit verbunden zu einer möglichst geringen Beeinträchtigung durch Baulärm und Schmutz für die Bewohner im vorhandenen Bestand. Die Rahmenbauweise ermöglicht es, die Konstruktion auf Dächern unterschiedlicher Tiefe zu platzieren oder autark zu verwenden, auch das Zusammenfügen mehrerer Einheiten zum Reihenhaus ist möglich. Die einzelne Wohnung besteht dabei aus jeweils zwei Grundmodulen, von denen einer die Installation, Küche, Bad, Schlafzimmer und Windfang enthält, der andere den Wohn- und Essbereich. Der Ausbaustandard der Module kann, je nach Situation und finanziellen Verhältnissen, variiert werden.
Ende Oktober 2006 präsentierte Velux Atika, das Gegenstück zu Soltag für den südeuropäischen Raum in der baskischen Stadt Bilbao der Öffentlichkeit. Die von dem spanischen Architekturbüro ACXT-IDOM entworfene Wohneinheit lehnt sich in Grundriss und Erschließung an das mediterrane Hofhaus an. Auch hier stehen Nachhaltigkeitund Energieeffizienz im Vordergrund, wenngleich unter gegensätzlichen Vorzeichen, denn in den warmen Klimazonen gilt es vor allem die Überhitzung im Sommer zu vermeiden. So wird das mit 160 mm Dämmung ummantelte Haus, das auf ein Optimum an natürlicher Belüftung sowie Nachtabkühlung abgestimmt ist, von einer neuartigen, solargespeisten Klimaanlage unterstützt.

Bei beiden Prototypen, Soltag und Atika, wird das Innenklima durch ein ausgeklügeltes elektronisches Kontrollsystem überwacht, das Wärmetausch und Luftwechsel durch automatisches Öffnen und Schließen von Dachflächenfenstern und Jalousien sowie die Regelung von Heizung und Kühlung steuert. Ein wesentlicher Aspekt beider Projekte aber ist die maximale Ausbeute an Tageslicht, die darauf basiert, dass Licht von oben viel ergiebiger ist als solches, das durch senkrechte Fenster einfällt. Gleichzeitig führt das Licht von oben zu sich stets wandelnden Lichtstimmungen. Geringste Veränderungen am Himmel wie vorbeiziehende Wolken werden direkt und intensiv wahrgenommen. So dienen beide Häuser dazu, intelligente und innovative Möglichkeiten der innerstädtischen Nachverdichtung aufzuzeigen, gleichzeitig bieten sie aber auch die besonderen Möglichkeiten des Wohnens unter dem geneigten Dach.

